Hörbeitrag
Urlaubszeit/Offene Kirchen

Der Seele Raum geben
Es hatte lange gebraucht, bis er darüber reden konnte. Über ein halbes Jahr. Seine Sorge um den Arbeitsplatz, die er sogar vor seiner Lebensgefährtin verschwiegen hatte.
Ganz zufällig waren sie darauf gekommen. Bei ihrer jährlichen Radtour. Als sie ganz nahe am Fluss eine Kirche sahen und spontan halt machten. Hineingingen, um sich ein wenig auszuruhen.
Warum er hier in der Kirche plötzlich darüber redete, konnte er auch später nicht sagen. Er war eigentlich gar nicht religiös. Ging höchstens zu Weihnachten zum Gottesdienst. Aber die Stille, vielleicht auch die Ahnung dieses geschützten Raumes war es, seinem Freund all seine Sorgen mitzuteilen.
Die realen Umstände am Arbeitsplatz wurden dadurch nicht besser. Aber er selber ging morgens wieder mit geraden Rücken aus dem Haus. Ein Stück seiner Last hatte er mit seinem Freund geteilt. Später, nach der Radtour, auch mit der Familie zu Hause.
Geschichten wie diese passieren in offenen Kirchen. Nicht immer existenzielle. Meist sind es die kleinen Auszeiten des Alltags. Eine offene Kirchentür, an der man vorübergeht, ist dabei der spontane Auslöser.
Nach vielen Jahren der Verschlossenheit öffnen heute immer mehr Kirchen ihre Türen. Nicht nur in den Innenstädten. Sondern gerade auch dort, wo Menschen gerne Urlaub machen. Dabei geht es den Verantwortlichen weniger um die Vermittlung kunstgeschichtlicher oder historischer Inhalte. Vielmehr darum, den Raum sprechen zu lassen und der Seele Raum zu geben.
Denn unsere Kirchen sind Schatzkammern des christlichen Glaubens. In der Stille, dem persönlichen Gebet, dem Anzünden einer Kerze lassen sich Menschen anrühren. Von lebendigen Steinen. Von Gottes Gegenwart.
Das Projekt Offene Kirchen ist in der Evangelischen Kirche von Westfalen
zu Pfingsten 2004 gestartet.
Eine Übersicht über offene Kirchen in Deutschland findet sich unter
www.offene-kirchen.de