Hörbeitrag

Philosoph und Aufklärer Voltaire

30.05.2012

Wenn die Vernunft zur Religion erhoben wird


"Bringen wir, wenn es möglich ist, ein schwaches Licht in diese Nacht des Irrtums, in welche die Welt versunken ist"

So beschreibt der Philosoph und Aufklärer Voltaire (1694 - 1778) sein Lebensprogramm.

Über 60 Jahre kämpft er in einer Vielzahl von Schriften, in Theaterstücken und Erzählungen, für die Freiheit des Denkens, für Toleranz und Vernunft.

Sein eigenes Leben ist verworren. Schon die Umstände der Geburt von Francois-Marie Arouet, wie er eigentlich heißt, liegen im Dunkeln. Die offizielle Version lautet, dass er am 21. November 1694 als Sohn eines wohlhabenden Notars in Paris geboren wurde. Verwirrende Liebschaften durchziehen sein Leben. Er hat Affären mit Marquisen und Schauspielerinnen, mit Gattinnen der Freunde und schließlich sogar mit der eigenen Nichte.

In einem Pariser Jesuitenkolleg erwirbt Voltaire eine gründliche humanistische Ausbildung. Früh verkehrt er in freigeistigen Zirkeln, die ihn mit dem oppositionellen Gedankengut der Frühaufklärung bekannt machen. Spottverse auf den Regenten Philipp von Orléans bringen ihm eine elfmonatige Haft in der Bastille ein. 1718 wird "Ödipus", seine erste Tragödie, erfolgreich uraufgeführt und bald darauf unter dem zum ersten Mal verwendeten Pseudonym "Monsieur de Voltaire" gedruckt.
Einer zweiten Inhaftierung entzieht er sich durch die Flucht nach England. In den "Briefen über die Engländer" (1734) schreibt Voltaire seine Erfahrungen nieder. Er stellt die dortige Freiheit mit der korrupten Herrschaft des Adels gegenüber, der in seinem Heimatland eng mit der katholischen Geistlichkeit verbunden ist.
Das wirkt in Frankreich wie revolutionärer Sprengstoff.

Um einer erneuten Haft zu entgehen, flieht er zu seiner Freundin Marquise du Châtelet auf Schloss Cirey in Lothringen. Hier verbringt er 15 arbeitssame Jahre und macht das Schloss zu einem geistigen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Es folgt ein fast dreijähriger Aufenthalt bei König Friedrich II. in Potsdam, der allerdings mit einem Zerwürfnis endet.
Seit 1758 lebt Voltaire als unabhängiger Grundbesitzer auf dem Gut Ferney an der Grenze zur Schweiz.

Als "Patriarch von Ferney" kämpft er die letzten 20 Jahre seines Lebens gegen seinen Hauptgegner: die katholische Kirche.
Trotz seiner antikirchlichen Einstellung ist er kein Atheist.
Im "Philosophischen Wörterbuch", das er selbst erstellt, legt Voltaire in dem Artikel "Theist" sein Glaubensbekenntnis nieder. "Der Theist", so schreibt er, "ist ein Mensch, der fest von der Existenz eines ebenso guten wie mächtigen höheren Wesens, das alle Dinge gestaltet hat, überzeugt ist". Allerdings glaubt der "Theist" nicht an einen Gott als lebendiges Gegenüber, wie er im Alten und Neuen Testament bezeugt ist. Vielmehr hält er es aus sittlichen Gründen für notwendig, dass das Volk an einen "belohnenden und strafenden Gott" glaubt.

Jedoch Voltaires Vertrauen auf die Vernunft und einen vernünftigen Gott ist längst in seinen Fundamenten erschüttert. Er zweifelt an der Vernünftigkeit des Weltgeschehens. Von tiefem Pessimismus erfasst, schreibt er: "Manchmal bin ich nahe daran, in Verzweiflung zu versinken, wenn ich bedenke, dass ich nach allem Forschen nicht weiß, woher ich komme, was ich bin, wohin ich gehe, was aus mir werden wird".

Am 10. Februar 1778 kommt Voltaire nach fast 20 Jahren nach Paris und erlebt dort einen triumphalen Empfang. Aufgrund der Anstrengungen bricht er bald darauf gesundheitlich zusammen und stirbt am 30. Mai.

Reinhard Ellsel

 
 
 
 
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